Nürnberger Kodex

Doctors in general, it would seem, can all too readily take part in the efforts of fanatical, demagogic or surreptitious groups to control matters of thought and feeling, and of living and dying. 1

Robert J. Lifton – The Nazi Doctors. Medical Killing and the Psychology of Genocide – New York 1986

In Nachfolge des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses wurde im Ärzteprozess 1947 der „Nürnberger Kodex“ als völkerrechtlich verbindliche Richtschnur für die Beteiligung von Menschen an medizinischer Forschung verkündet. In nachfolgenden Erklärungen und Gesetzen wurde dessen Rechtsfigur bestätigt, so u. a. im Urteil des Bundesverfassungesgerichts von 1983 zur informellen Selbstbestimmung und in Deklarationen des Weltärztebundes. Dieser Code setzt den „Informed Consent“ als unabdingbare Voraussetzung für die Forschung an Menschen voraus. 2

Nürnberger Kodex 3

In seinem Urteil faßte das Gericht 4 die jederzeit gültigen Kautelen in folgenden Punkten zusammen, die geeignet erscheinen, einer künftigen internationalen Vereinbarung als Diskussionsgrundlage zu dienen:


„Zulässige medizinische Versuche:
Die Überzahl des vorliegenden Beweismaterials belegt, daß gewisse medizinische Experimente an Menschen, wenn sie innerhalb ziemlich klar festgelegter Grenzen bleiben, der ärztlichen Ethik entsprechen. Die Befürworter der Menschenversuche begründen ihre Ansicht damit, daß solche Versuche für das Wohl der Menschheit Ergebnisse erzielen, welche durch andere Methoden oder Studien nicht zu erlangen sind. Sie stimmen alle jedoch darin überein, daß gewisse Grundprinzipien befolgt werden müssen, um mit moralischen, ethischen und juristischen Grundregeln im Einklang zu stehen.

  1. Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, daß der Betreffende die gesetzmäßige Fähigkeit haben muß, seine Einwilligung zu geben; in der Lage sein muß eine freie Entscheidung zu treffen, unbeeinflußt durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder irgendeine andere Form der Beeinflussung oder des Zwanges; und genügend Kenntnis von und Einsicht in die Bestandteile des betreffenden Gebietes haben muß, um eine verständnisvolle und aufgeklärte Entscheidung treffen zu können. Diese letzte Bedingung macht es notwendig, daß der Versuchsperson vor der Annahme ihrer bejahenden Entscheidung das Wesen, die Länge und der Zweck des Versuches klargemacht werden; sowie die Methode und die Mittel, welche angewendet werden sollen, alle Unannehmlichkeiten und Gefahren, welche mit Fug zu erwarten sind, und die Folgen für ihre Gesundheit oder ihre Person, welche sich aus der Teilnahme mögen.
    Die Pflicht und die Verantwortlichkeit, den Wert der Zustimmung festzustellen, obliegt jedem, der den Versuch anordnet, leitet oder ihn durchführt. Dies sind persönliche Pflichten und persönliche Verantwortungen, welche nicht ungestraft auf andere übertragen werden können.
  2. Der Versuch muss derart sein, daß fruchtbare Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft zu erwarten sind, welche nicht durch andere Forschungsmittel oder Methoden zu erlangen sind, und welche ihrem Wesen nach nicht willkürlich und unnötig sind.
  3. Der Versuch ist so zu planen und auf den Ergebnissen von Tierversuchen und einer Kenntnis des Wesens der Krankheit oder des sonstigen Problems aufzubauen, daß die vermutlichen Ergebnisse die Ausführung des Versuchs rechtfertigen werden.
  4. Der Versuch ist so durchzuführen, daß alle unnötigen körperlichen und geistigen Leiden und Verletzungen vermieden werden.
  5. Kein Versuch darf durchgeführt werden, wenn a priori ein Grund besteht für die Annahme, daß der Tod oder ein dauernder, körperlicher Schaden eintreten wird, mit der Ausnahme vielleicht jener Versuche, bei welchen die Versuchsleiter gleichzeitig als Versuchspersonen dienen.
  6. Das Gefahrenmoment darf niemals die Grenzen überschreiten, welche sich aus der humanitären Bedeutung des zu lösenden Problems ergeben.
  7. Angemessene Vorbereitungen sind zu machen und ausreichende Vorkehrungen zu treffen, um die Versuchsperson gegen selbst die geringste Möglichkeit der Verletzung, der bleibenden gesundheitlichen Schädigungen oder des Todes zu schützen.
  8. Der Versuch darf nur von wissenschaftlich geschulten Personen durchgeführt werden. Die größte Geschicklichkeit und die größte Vorsicht müssen in allen Stufen des Versuches von denjenigen angewandt werden, die den Versuch leiten oder durchführen.
  9. Während des Versuches muß der Versuchsperson freigestellt bleiben, den Versuch zu beenden, wenn sie körperlich oder geistig den Punkt erreicht hat, an dem ihr seine Fortsetzung unmöglich erscheint.
  10. Im Verlauf des Versuchs muß der Versuchsleiter jederzeit bereit bleiben, den Versuch einzustellen, wenn er bei der Anwendung des von ihm geforderten guten Glaubens, besonderer Geschicklichkeit und Sorgfalt des Urteils Grund hat anzunehmen, daß eine Fortsetzung des Versuches eine Verletzung, eine bleibende gesundheitliche Schädigung oder den Tod der Versuchspersonen herbeiführen könnte“

Gigantomane Gesundheitsvorstellungen haben in der Nazi-Ära dazu geführt, dass nicht nur die Rechte, sondern auch das Leben des Einzelnen mißachtet wurden, um den „Volkskörper“ zu heilen. In Anlehnung an den bekannten aus Deutschland in der NS-Zeit emigrierten amerikanischen Medizinhistoriker Jay Katz lässt sich formulieren: Wäre im professionellen Denken und Handeln der Ärzte im Nationalsozialismus die unumstößliche Notwendigkeit der menschenrechtlichen Schutzgarantien des Einzelnen fest verankert gewesen, hätten sie niemals den Illusionen und verbrecherischen Folgen der „Magna Therapia“ auf Kosten des Einzelnen folgen können. Mit dem Leitbild des „genetic enhancement engineering“ der Biomedizin droht eine moderne „Magna Therapia“ des Menschen durch seine Auto-Evolution. Nur durch ein absolutes Bestehen auf der Unantastbarkeit der Würde des Menschen im Sinne des Nürnberger Kodex einschließlich des Verbotes der Instrumentalisierung des Menschen durch uneingewilligte, fremdnützige Forschung und der Lebensrechte aller Menschen kann die drohende Wiederholung der Geschichte verhindert werden. 5

Anmerkungen
  1. „Ärzte im allgemeinen, so hat es den Anschein, können sich also nur allzu bereitwillig an den Bemühungen fanatischer, demagogischer oder betrügerischer Gruppen beteiligen, Fragen von Ideen und Gefühlen und Leben und Tod zu kontrollieren.“ Robert Jay Lifton, Ärzte im Dritten Reich, Klett-Cotta, 1988[]
  2. IPPNW, Medizin und Gewissen – zuletzt aufgerufen am 30. Oktober 2021[]
  3. Aus: Medizin ohne Menschlickeit – Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses – Herausgegeben von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke, Fischer Verlag, S. 353 ff.[]
  4. Am 25. Oktober 1946 nahm der amerikanische Militärgerichtshof Nr. I in Nürnberg unter dem Vorsitz von Richter Walter B. Beals, L.L.D., Oberster Richter des Obersten Gerichtshofes des Staates Washington seine Arbeit auf. Am 5. November d. J. erhielten die inhaftierten 23 Beschuldigten (darunter 20 Ärzte) die Anklageschrift in deutscher Sprache zugestellt. Ihnen wurde vorgeworfen, als „Haupttäter, Mittäter, Anstifter oder Vorschubleistende“ Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, wobei sie vor „Morden, Brutalitäten, Grausamkeiten, Folterungen, Gräueltaten und anderen unmenschlichen Taten“ nicht zurückgeschreckt wären. Nach 139 Verhandlungstagen ergingen am 20. August 1947 sieben Todesurteile sowie fünf Verurteilungen zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen[]
  5. Aus: A. Ebbinghaus (Hrsg.), K. Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen: Der Nürberger Ärzteprozes und seine Folgen, Aufbau Taschenbuch, 2002[]